Karo Königin

EggeD

Als Person:
Eine Frau von seelischer Grösse und Intelligenz.
Eigenschaften:
Wohlgesinnt. Feier von Leben und Liebe. Von grossem Segen durchflutet.

Die Weise Frau der Guten Erde

«Es ist noch nicht allzu lange her, da hatten die Menschen noch Musse und Zeit. Sie hielten mitten am Tage inne um den Vögeln zu lauschen, um ihre Hände beim Streicheln einer Katze zu spüren, um einen freundlichen Blick zu verschenken. Sie pflegten zu singen und zu tanzen, mitten im Tag, in Freud und Leid.

Damals lebte eine Weise Frau in einem kleinen Haus am Waldrand. Die Weise Frau der Guten Erde wurde sie genannt.

„Guten Morgen, du neuer Tag“, pflegte sie beim Erwachen zu sagen. An diesem warmen Sommermorgen stülpte sie sich ihr langes, hellgelbes Kleid über. Von leichtem Garn war es gewoben. Schmeichelnd nur schon beim Anblick. Eben war die Nachtigall verstummt, schon begann die Amsel ihr melodiöses Lied zu pfeifen. Wie die Weise Frau den frühen Morgen liebte! Das feuchte Gras kitzelte sie zwischen den Zehen ihrer nackten Füsse und entlockte ihr ein wohliges Empfinden. Ihr ganzer Körper sprühte mit Lebendigkeit und Frohmut. Jeder ihrer Schritte glich einem Tanz. Welch ein Geschenk, solche Morgenstunden im Freien! Überall um sie herum sah sie Schönheit und Vollkommenheit. Sie sah den Fuchs, der am Waldrand einer Maus auflauerte, sie sah die unzähligen Perlen von Tautropfen an den Grashalmen, sie sah die umgefallene Tanne unweit von ihr.

Bedächtig schritt sie auf dem Waldweg dem Dorf zu. Man hatte sie gerufen um den Menschen dort in einer schweren Zeit beizustehen. Ein 9-jähriger Junge war in den Fluss gefallen und ertrunken. Seine ältere Schwester hatte ihr vor zwei Tagen die traurige Botschaft überbracht. Weil die Weise Frau alles über den Lauf der Dinge im Leben von Tieren und Pflanzen gelernt hat, wusste sie, dass sie zwei Tage warten musste um für ihre Freunde im Dorf überhaupt hilfreich sein zu können. Sie kannte die Rückkehr von Ruhe nach dem Sturm, auch nach dem heftigsten, wenn man einfach zuwartet.

Nun war es an der Zeit mit den Menschen im Dorf zusammenzukommen. Allmählich begannen die Trauernden wieder etwas durchzuatmen und ihren Herzschlag zu spüren. Die Zeit für den Abschied war gekommen.

Alle hatten sich schon versammelt und warteten auf sie. Sie waren sich sicher, dass mit dem Erscheinen der Weisen Frau der Guten Erde Heil und Frieden ins Leben zurückkehren wird. Ihre Anwesenheit war stets ein Segen. Ihre Wärme und Freundlichkeit waren in jedem ihrer Blicke zu spüren und fühlten sich tröstlich an.

„Guten Morgen“, sagte sie. Diesmal zu den Menschen, die sich um den weissen Sarg des Knaben eingefunden hatten. Die Kinder sassen auf dem Boden und die Erwachsenen auf Stühlen und Bänken. Alle Mädchen trugen Blumenkränze aus Margeriten auf dem Kopf und die Buben Halsbänder aus Nelken. Kinderspielzeug und Plüschtiere baumelten am Sarg. Mit bunten Bändern waren sie daran festgemacht. Sie sollten den toten Knaben auf der Reise ins Jenseits begleiten. Sein Bruder betrachtete seinen Teddybären, der nun für immer bei seinem liebsten Freund war, mit Freudentränen. Ein kleiner roter Spielkreisel lag in der offenen linken Hand des toten Buben.

Die Weise Frau setzte sich in den grossen Kreis der Dorfbewohner. Ein süsslicher Duft von Lindenblüten schlich sich heimlich in so manch schmerzendes Herz. Sie sangen Lieblingslieder des Knaben. Sie erzählten Geschichten aus seinem abenteuerlichen Leben. Sie weinten. Und sie tanzten um den offenen Kindersarg. Später assen sie Karottenkuchen wie an seinen Geburtstagen.

Dann wurde es still. Die wohltuende Ruhe verbreitete sich im ganzen Dorf. Als der Mond hoch oben am Nachthimmel stand kam die Zeit, den Sarg zu schliessen und ihn ins vorbereitete Grab zu senken. Die Kinder legten ihre Blumenkränze darauf. „Adieu, mein liebes Kind, adieu, mein lieber Freund, adieu, mein lieber Bruder.“

Es war noch nicht allzu lange her. Es war als die Menschen noch Musse und Zeit hatten. Als sie mitten am Tage innehielten, um den Vögeln zu lauschen, um die Hände bei Berührungen zu spüren, um einen freundlichen Blick zu verschenken. Sie pflegten zu singen und tanzen, mitten im Tag, in Freud und Leid.

Damals lebte eine Weise Frau in einem kleinen Haus am Waldrand. Die Weise Frau der Guten Erde wurde sie genannt.»

Diese Zeit ist wieder da! Dieser Segen kann für uns alle wieder gegenwärtig sein. Für uns Frauen und Männer, Knaben und Mädchen.

Die Weise Frau der Guten Erde erinnert uns daran, unseren Körper mit seiner wunderbaren Sinnlichkeit in den täglichen Verrichtungen zu feiern.

DieWeiseFrauDerGutenErde

The Wise Woman of the Good Earth (Die Weise Frau der Guten Erde)

Veröffentlicht in Karo-Ecken, Tarotkarte und verschlagwortet mit .

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